Wenn ein Handwerker anfängt, sich selbst zu kennen

Thomas kam zu mir, kurz nachdem er mit Ende zwanzig den Betrieb seines Vaters übernommen hatte. Das Unternehmen – ein alt eingesessener Handwerksbetrieb in Familienbesitz – war gut aufgestellt. Fachlich hatte Thomas alles mitgebracht. Und doch saß er mir gegenüber und sagte: „Ich weiß gar nicht, wofür ich das alles eigentlich gemacht habe.“

Was er beschrieb, kenne ich aus vielen Erstgesprächen: das Gefühl, eine Rolle zu übernehmen, auf die man technisch vorbereitet wurde, menschlich aber nicht. Seine Ausbildung hatte ihm beigebracht, wie man das Handwerk ausübt. Niemand hatte ihm beigebracht, wie man Menschen führt – und wie man sich selbst führt.

Die Frage, die alles verändert

Im Laufe unserer Arbeit stellten wir immer wieder dieselbe Frage: Wer bist du eigentlich – jenseits deines Titels, jenseits des Betriebs, jenseits der Erwartungen deiner Familie?

Thomas war zunächst skeptisch. Er war Handwerker, kein „Psychotyp“, wie er es nannte. Doch je tiefer wir in die Arbeit gingen, desto klarer wurde: Erst wer sich selbst kennt und sich mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt hat, kann im Außen etwas verändern. Das ist ein therapeutischer Ansatz und die Voraussetzung für nachhaltige Führungsarbeit.

Wir arbeiteten an seiner Biografie. An den Prägungen, die ihn geformt hatten. An Mustern, die er von seinem Vater übernommen hatte, ohne es zu merken. Allmählich begann Thomas, sich selbst zu verstehen und damit auch seine Mitarbeitenden.

Stress ist nicht der Feind

Ein Thema, das Thomas besonders beschäftigte, war der Stress im Alltag: Lieferdruck, Wetterbedingungen, Konflikte auf der Baustelle – und dann noch die Kommunikation mit den Auszubildenden, die eine ganz andere Sprache zu sprechen schienen.

„Ich bin einfach explodiert“, sagte er einmal. „Und danach habe ich mich geschämt.“

Wir arbeiteten an seinem Verständnis von Stress. Denn Stress an sich ist nicht das Problem, im Gegenteil: ein gewisses Maß treibt uns an, lässt uns wachsen, hält uns wach. Das Problem entsteht, wenn wir nicht lernen, ihn zu regulieren. Hierfür beobachtet Thomas inzwischen seine Atmung. Hochwirksam, wenn man die Signale kennt und den Atem zur Gefühlsregulierung einsetzt. Bei Stress wird die Atmung flacher und schneller. Ein Warnsignal. Tiefes Bauchatmen hilft beim Regulieren des Gefühls, das unter dem Stress liegt – wie zum Beispiel Angst oder Wut.

Eine andere Sprache im Umgang mit anderen

Was mich an Thomas’ Entwicklung am beeindruckt hat: Er übertrug das Gelernte direkt auf seine Rolle als Führungskraft. Wo er früher Druck mit Gegendruck beantwortet hatte, lernte er innezuhalten. Zu Atmen und einen Schritt zurückzutreten. Zu fragen, statt zu fordern.

Er erzählte mir von einer Situation mit einem Auszubildenden, der eine Aufgabe nicht erledigt hatte. Früher wäre er zuerst wütend und dann laut geworden. Stattdessen fragte er: „Was hält dich gerade davon ab, das zu tun?“ Eine kleine Verschiebung in der Sprache – die die ganze Dynamik veränderte. Ein Ergebnis seiner Selbstreflexion.

Was dieser Fall zeigt

Thomas ist kein Einzelfall. In der Praxis begegne ich regelmäßig Menschen aus handwerklichen und technischen Berufen, die in ihrem Fach exzellent sind – und gleichzeitig mit sich und ihrer Rolle hadern, weil ihnen niemand beigebracht hat, sich selbst zu kennen.

Das Handwerk hat eine lange Tradition der Weitergabe von Wissen: von Meister zu Geselle, von Generation zu Generation. Was dabei zu oft fehlt, ist die Weitergabe von etwas viel Grundlegenderem – dem Wissen über sich selbst.

Persönlichkeitsentwicklung ist keine Angelegenheit für Konzernmenschen oder nur für Menschen in der Krise. Sie ist das Fundament jeder guten Führung. Und sie beginnt immer mit derselben Frage:

Wer bin ich eigentlich – und was bewegt mich?

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