So wirkt Gestaltarbeit 

Das Ziel: Achtsamkeit und Zufriedenheit entwickeln

Der Einstieg in einen Vortrag über Gestaltarbeit gelingt mir am besten über eine praktische Übung. Üblicherweise stelle ich mich kurz vor und skizziere das Ziel gestalttherapeutischer Arbeit, das auf Achtsamkeit (Awareness) und Zufriedenheit (Resilienz) abzielt. Dann lade ich meine Zuhörer ein, sich den Raum längs als eine Skala von Null bis 100 Prozent vorzustellen.

Nun folgen Fragen, die jeder für sich intuitiv beantworten soll, in dem er sich bei dem entsprechenden Skalenwert im Raum aufstellt, ohne sich an anderen zu orientieren.

Solche Fragen können lauten: Wie aufnahmefähig bin ich jetzt? Wie viel Freude bereitet mir, was ich tue? Oder: Wie gut fühle ich mich für meinen Einsatz entlohnt? Nach jeder Antwort würdige ich das Ergebnis und frage Einzelne zu Ihrer Positionierung: Was fällt Dir auf? Bist Du verwundert über das Gesamtbild (wer wo steht)? Warum stehst Du hier (Fakten/Gefühl)? Möchtest Du jemanden anderen etwas fragen?

Dem Unbewussten Gestalt geben

All diese Fragen zu beantworten, ist freiwillig. Auch das Duzen, das aber mehr Nähe herstellt. Denn niemand in einem solchen Setting muss etwas tun. Es gilt der Grundsatz: Jeder sorgt für sich. Und der Kursleiter/Therapeut sorgt dafür, dass jeder auf sich achtet und vor allem niemand in der Gruppe „beschädigt“ wird, dass also bspw. über ihn gelacht oder geurteilt wird – ohne dass er ein solches Urteil höre möchte.

Vertrauen  –  Staunen – Nicht werten

Nach dieser praktischen Runde, die oft schon sehr intensiv ist und schnell 30 Minuten dauert, reflektiere ich die Methode, damit die Teilnehmer wissen, warum ich so mit ihnen gearbeitet habe. So wird Unsicherheit zu Sicherheit – und das Vertrauen zu Trainer und Gruppe wächst. So geht es bei der Übung darum, Unsichtbares sichtbar zu machen, hörbar, spürbar, erfahrbar. Unbewußtem und Unreflektiertem wird Gestalt gegeben und Ausdruck verliehen. Dabei gibt es kein falschoder richtig, sondern nur Gefühl und Wahrnehmung zählen (Achtsamkeit).

Der Gestalttherapeut arbeitet mit Allem, was die Teilnehmer ihm anbietet: Den Text, mit dem sie Information transportieren, aber auch Glaubenssätze. Die Sprache, mit der sie beschreiben, umschreiben, verniedlichen oder Aggression ausdrücken. Ihre Tonation, ob sie leise, kraftvoll, schrill sprechen. Ihre Körperhaltung, ob diese gebeugt, kraftvoll oder verschlossen ist und etwa zu Text oder Stimme passt. Dazu zählen auch Mimik, die angespannt, wütend oder traurig sein kann, und vieles mehr.

Staunen und neugierig sein, statt werten

Damit sich die Teilnehmer orientieren können, was hier mit ihnen geschieht, erfahren sie theoretische Grundlagen. So gibt es die fünf Grundgefühle Freude, Trauer, Angst, Wut und Scham. Oder auch die vier Grundtypen von Persönlichkeit König, Krieger, Liebhaber und Magier – auch in weiblicher Form und je im unerlösten und erlösten Zustand. Auch wichtig: Aufhören zu bewerten und stattdessen staunen, wundern, neugierig sein. Denn der andere hat seine Gründe für sein Anders-sein, nur kennen wir diese noch nicht. Und: Kommunikation findet auf drei Ebenen statt, die wir im Alltag vermengen, weshalb es zu Missverständnissen und Verletzungen kommt: Fakten, Urteile und Gefühle.

Entstehungsgeschichte der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie geht auf C.G.Jung um 1920 zurück und wurde von Fritz Perls in den USA um 1940 begründet. Weitere Wegbereiter waren Laura Perls, Paul Goodman, Wilhelm Reich und viele andere, die den psychologischen Ansatz verfeinert oder auf Rollen- und Schauspiel, Musik oder Malerei übertragen haben.

Im Kern bedient sich die Gestalttherapie aller Mittel und Methoden, die dabei unterstützen, Menschen Unbewußtes bewußt zu machen und in ihre heilende Veränderung zu kommen.

Dazu zählen: Psychologie, Therapie, Malerei, Musik, Tanz, Rollenspiel, Familienaufstellung und unzählige Methoden (Stuhl-Arbeit, Klärung, Münz-Soziogramm, Biographiearbeit).

Wirkung und Heilung in der Praxis

In der Praxis gelingt es uns auch im Firmen-Coaching, dass Bereichsleiter „plötzlich“ über ihre Scheidungen sprechen, die sie der Firma anlasten statt sich selbst. Ein Teammitglied redet über seinen drogenabhängigen Sohn, der die „wahre“ Ursache ist, dass er in der Firma so aggressiv ist. Ganz nebenbei: Er denkt, das wüßten ohnehin alle Kollegen längst. In der Gruppe bitten wir um Handzeichen, wer es wußte. Und der Betroffene ist tief berührt als er sieht, dass das nicht Tagesgespräch im Flurfunk war und nun auf eine sehr kollegiale Weise doch bekannt ist.

Und die Kollegen wissen endlich, warum der Mann so unter Strom stand. Denn ab diesem Tag schwindet seine Aggression. Und ein Letztes: Mitarbeiter reden in einem Setting über ihren Frust, den sie ihrem Arbeitgeber anlasten. Wir klären in der Runde, dass es der eigene Perfektionismus ist, 100 %-Ergebnisse erreichen zu wollen. Wenn der Kunde aber nur 80 % bezahlt, trifft den Chef der Unmut zu Unrecht. Auch hier steigt die Stimmung im Betrieb binnen Tagen und der Einzelne beginnt, sich seinen Perfektionismus anzuschauen, mit dem er etwa als Kind die Zuwendung des Vaters bekam oder die Bestrafung durch die Mutter vermied.