Männerwoche in Oberdischingen: Fühlen, Stück für Stück

von Michael Sudahl | 17.09.2026 | Männergruppen & Männerarbeit

Fünf Tage lang sitzen elf Männer im Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen im Stuhlkreis: wer von außen hereinschaut, würde kaum vermuten, welche Arbeit hier geleistet wird. „Einführung in die Gefühle“ heißt die Woche, die Michael Sudahl und Leonhard Fromm leiten. Sie richtet sich an Männer zwischen 18 und 80 Jahren. Sudahl ist Körpertherapeut, Fromm, arbeitet als Gestalttherapeut und ist Theologe. Beide sagen, dass viele Männer das Fühlen verlernt haben. Und wenn sie etwas spüren, können sie es kaum in Worte fassen. Als Kompass dient im Seminar ein Modell aus vier Archetypen: Krieger, König, Liebhaber und Magier. Ihnen ordnen sie die Gefühle Wut, Trauer, Freude und Angst zu, dazu die Scham. Wie unterschiedlich dieser Weg verläuft, zeigen drei Teilnehmer, die bereit sind, darüber zu reden.

Wie man überhaupt ans Fühlen kommt

Bei Rainer, der Jurist ist und am Bodensee lebt, führt der Weg über den Körper. Als Michael Sudahl fragt, wo er im Rumpf etwas spürt, ihm die Hand behutsam an Hals und Kiefer legt, wird greifbar, was dort oben sitzt: Angst und Wut. Erst als der Therapeut die Hände an seinen Rücken legt, löst sich die Trauer. Klaus aus Renningen dagegen sucht den Zugang im Gegenüber. In der Übung „Klärungsrunde“, bei der die Männer einander im Kreis gegenüberstehen und weiterrücken, geht es ihm darum, „dass ich einem anderen Mann in die Augen schaue und dort mein Gefühl erkenne“, wie er sagt, und im besten Fall auch dessen Ursache. Andreas aus Ulm formuliert das nüchterner. Er will „die Gefühle besser einordnen“, weil man, wie er meint, sonst nur allgemein über sie rede, statt bei sich zu bleiben.

Woher es kommt: Kindheit und alte Muster

Am tiefsten gräbt Klaus, dessen stärkste Auseinandersetzung dem Verhältnis zu seinen längst verstorbenen Eltern gilt. Nicht Gewalt hat Spuren bei ihm hinterlassen, sondern der Umstand, dass die Eltern ihre eigene Geschichte mitbrachten und diese in der Erziehung, auch bei ihm, negativ nachwirkte. Eine dieser Prägungen trägt bis heute einen Namen. „Es ist eine Kontaktscheu, die ich habe“, sagt Klaus. Eine überzogene Zurückhaltung, die ihn immer dann packt, wenn er in einem halb vertrauten Umfeld seine Meinung sagen soll. Bei Fremden fällt es ihm leicht, bei engen Vertrauten ebenso, doch das Dazwischen bereitet ihm Mühe. Auch Andreas kennt einen solchen Reflex, der ihn im entscheidenden Moment ausbremst. „Oft verstumme ich, sag dann nichts mehr und zieh mich zurück“, beschreibt er sein Muster. Und Rainer schildert, wie er in Konflikten zumacht und zurückschießt, vor allem in der Beziehung, in der seine Partnerin ihn fordert, sodass Streit entsteht, den er selbst für unnötig hält.

Wut, Angst und die Trauer, die verbindet

Dass die Gefühle in dieser Woche nicht bloß benannt, sondern gespürt werden, zeigt sich vor allem bei Rainer. Über die Trauer, die sich durch die Körperarbeit zeigt, findet er zu etwas zurück, das er lange kaum zugelassen hat. Er sei bisher eher gleichgültig durchs Leben gegangen, nach dem Motto, die anderen hätten eben Pech gehabt oder Glück. Er wisse, dass Menschen verhungern, dass er spenden könnte. „Doch ich tue es nicht, weil ich lieber in Urlaub fahr“. Eine Haltung, die er für weit verbreitet hält. Nun stellt er einen Zusammenhang her, den er vorher nicht sah. Die Trauer, so erkennt er, ist die Tür zum Mitgefühl und damit zur Liebe, zu anderen und zu sich selbst. „Also das mit der Empathie, das will ich mehr spüren“, sagt er, „das ist mir bisher selten gelungen.“

Was im Alltag anders werden soll

Was die Männer üben, soll über die fünf Tage hinaus tragen. Rainer will in Konflikten aus dem alten Reiz-Reaktions-Zyklus aussteigen, in dem sich der Streit hochschaukelt wie bei Dick und Doof. Ihm reicht zunächst nicht weiter zu eskalieren, den Moment zu erwischen, statt ihn zu verpassen und die Mauer eben nicht hochzuziehen. Dazu kommt ein zweites Muster, das des Nice Guy, der es allen recht machen will. Rainer erzählt von einer Kleinigkeit, einem Foto von ihm, dass ungefragt veröffentlicht werden soll. Und bei dem er fürchtete, seine Bitte könnte den anderen als pingelig erscheinen. Beinahe hätte er nachgegeben, doch dann hielt er inne, weil er sonst, wie er sagt, „eine Grenze von mir übergehen“ würde. Andreas wiederum hofft, künftig anders zu reagieren, wenn die Wut aufsteigt, statt wie bisher zu verstummen. Und Klaus setzt darauf, dass sich der Umgang mit dem längst Bekannten weiter festigt. Denn Neues sei ihm kaum aufgegangen, doch „der Umgang mit dem, was ich eigentlich schon weiß, der hat sich vertieft".

Kein Ratschlag, sondern Raum

Auffällig ist, dass keiner der drei von fertigen Lösungen spricht. Klaus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, es gehe ihm nicht um Ratschläge, die er innerlich ohnehin ablehnen würde, sondern um die Anleitung, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Genau daran arbeiten Fromm und Sudahl, indem sie nicht drängen, sondern Angebote machen, niederschwellig und eher lockend. Rainer hat diese Zurückhaltung geholfen, weil er, wie er sagt, bei Druck sofort blockiert hätte. „Ich empfand das hier als sicheren Raum“, betont er. Für Andreas liegt der Wert im Selbermachen. Er habe einmal ein Buch über die Archetypen gelesen, doch hier erfahre er es am eigenen Leib. „Die Selbsterfahrung war sehr gut“, sagt er, „das hat mir gut getan.“

Was bleibt

Am Freitag endet die Woche und jeder nimmt etwas nach Hause: Klaus die Hoffnung auf einen tieferen Umgang mit seiner Geschichte. Rainer die wiedergefundene Empathie und den Mut zu klaren Grenzen. Und Andreas die Sprache für das, was in ihm vorgeht. An einem der letzten Abende greift Klaus zur Gitarre und singt ein Lied von Johannes Wader. Die anderen hören zu. Für einen Moment, so scheint es, ist gesagt, was in diesen fünf Tagen zu sagen war.