Mann schreit in die Kamera
Foto von Dmitry Demidov

Ich bin Männer-Coach. Ich weiß, wie es geht.

Und trotzdem habe ich gestern mein Kind angeschrien.

Das Tabu, das keines ist

Wenn ich Eltern erzähle, dass ich über das Ausrasten schreibe, sagen sie fast immer dasselbe: „Tolles Thema.“ Sie klingen erleichtert. Nicht überrascht.

Fast alle tun es. Kaum jemand redet darüber.

Einer meiner Klienten nennt es „den Berserker“ – diesen anderen Teil von sich, der rauskommt, wenn das dritte Kind nackt durch den Flur rennt und die Zahnbürste quer durch den Raum fliegt. Danach räumt er auf, deckt den Tisch, tut als wäre nichts. Sucht nach Worten. Schämt sich.

Was mich berührt: Er schämt sich nicht, weil er ausrastet. Er schämt sich, weil er sich dabei zusieht.

Die Forschung, und was sie wirklich sagt

Ja, regelmäßiges Anschreien kann Kindergehirne in sensiblen Entwicklungsphasen schädigen. Stresshormone, Entzündungsmarker, veränderte Hirnstruktur – das ist belegt und ernst zu nehmen.

Ein befreundetet Kinderarzt sagt: Es kommt nicht auf die Lautstärke an. Man kann sehr gemeine Dinge auch sehr leise sagen. Und: Wenn die Beziehung gut ist, wenn danach geredet wird – dann ist einmal die Woche kein Weltuntergang.

Der Schaden entsteht nicht im Ausbruch. Er entsteht im Schweigen danach.

Was wirklich in der Vaterrolle hilft

Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen ehrliche.

Ich kenne Männer, die als Kinder jahrelang darauf gewartet haben, dass ihr Vater sagt: Das war nicht in Ordnung. Diese Entschuldigung kam nie. Nicht weil er kein Mitgefühl hatte – man hat es geahnt. Aber aussprechen? Zu viel Distanz zu sich selbst verlangt. Damals nicht üblich.

Heute schon. Wir rasten aus – heimlich. Aber wir bitte um Verzeihung. Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist alles.

Was ich meinen Klienten mitgebe, ist deshalb nicht „atmen Sie fünfmal tief durch“. Sondern: Reden Sie darüber. Mit dem Partner. Mit Freunden. Mit mir. Nicht weil sie versagen – sondern weil Elternsein das Schwierigste ist, was die meisten Menschen je tun werden.

Mein Sohn hat heute Morgen „Kack-Papa“ gesagt.

Morgen probiere ich es wieder.

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