
Volker hielt sich lange für einen beneidenswert entspannten Menschen. Einer, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Während andere sich aufregen, grübeln oder emotional reagieren, blieb er sachlich, ruhig, kontrolliert. Als Informatiker passte das perfekt zu seinem Selbstbild: klarer Kopf, logisches Denken, keine unnötigen Gefühlsdramen. Eigentlich war er sogar ein bisschen stolz darauf.
Bis zu dem Tag, an dem seine Freundin ihm diesen Satz entgegenschleuderte:
„Du verstehst überhaupt nichts. Du bist total gefühlskalt!“
Kurz darauf war sie weg.
Für Volker brach eine Welt zusammen – auch wenn er zunächst kaum Worte dafür hatte. Erst im Nachhinein wurde ihm klar: Sein Zugang zu Gefühlen war nie eine schnelle Glasfaserleitung gewesen. Eher ein altes Kabel mit Wackelkontakt, Brüchen und Aussetzern. Heute weiß er: Er hat Alexithymie.
Gefühle sind da – aber nicht greifbar
Alexithymie bedeutet übersetzt „ohne Worte für Gefühle“. Klingt hart, ist aber keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Menschen mit Alexithymie haben Gefühle, sie spüren sie nur anders – undeutlich, körperlich, schwer einzuordnen.
Angst zeigt sich als Enge in der Brust.
Wut als flauer Magen.
Sorge als rasendes Herz.
Was fehlt, ist der emotionale Zugang: Was fühle ich da eigentlich? Und warum? Genau diese Fragen bleiben unbeantwortet. Gefühle sind wie ein fremdes Land ohne Landkarte.
„Du wirkst so kühl“ – ein Missverständnis mit Folgen
Fast jeder ist mal unsensibel. Jeder sagt mal etwas Unbedachtes oder übersieht, wie sehr etwas den anderen trifft. Bei Alexithymie geht es aber tiefer. Gefühle – die eigenen wie die der anderen – bleiben rätselhaft.
Betroffene flüchten sich oft auf die Sachebene. Wenn sie gefragt werden, wie es ihnen geht, antworten sie nüchtern, sachlich, fast technisch. Nicht aus Arroganz oder Gleichgültigkeit, sondern weil ihnen nichts anderes zur Verfügung steht.
Für das Gegenüber wirkt das jedoch schnell abweisend. Kühl. Emotionslos.
So auch bei Volker. Besonders schlimm wurde es, als die Mutter seiner Freundin starb. Während sie trauerte, zerbrach, Trost suchte, blieb er unbeholfen, still, mechanisch hilfsbereit – ohne echte Resonanz. Für sie war das unerträglich. Für ihn war es Überforderung pur.
Keine Gefühlskälte, kein fehlendes Herz
Alexithyme Menschen sind nicht empathielos. Sie sind keine Psychopathen, die Gefühle sehr wohl erkennen, aber andere bewusst ignorieren. Im Gegenteil: Viele wollen verstehen, scheitern aber daran.
Auch mit Autismus ist Alexithymie nicht gleichzusetzen. Autistische Menschen können oft sehr feinfühlig sein und einen intensiven Zugang zu ihren eigenen Emotionen haben. Alexithymie kann zwar gemeinsam auftreten – ist aber etwas anderes.
Gar nicht so selten
Etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen gelten als alexithym – Männer wie Frauen. Und wie bei vielen Persönlichkeitsmerkmalen gibt es ein Spektrum:
Von „Gefühle sind mir komplett fremd“ bis hin zu „Ich spüre Wut und Angst, aber alles dazwischen verwirrt mich“.
Ob eine Alexithymie wahrscheinlich ist, lässt sich mit der Toronto Alexithymia Scale (TAS-20) einschätzen – einem wissenschaftlichen Fragebogen mit Aussagen wie:
„Mir ist oft unklar, welche Gefühle ich gerade habe.“
Roboter oder Vulkan?
Expert:innen unterscheiden zwei Haupttypen:
- Der Robotertypus wirkt tatsächlich cool. Innen wie außen bleibt alles ruhig. Diese Form entsteht oft früh im Leben – etwa durch emotionale Vernachlässigung. Gefühle wurden nie richtig gelernt.
- Der Vulkantypus erlebt starke Emotionen – aber sie bleiben eingeschlossen. Sie brodeln im Inneren, finden aber keinen Ausdruck. Häufig ist diese Form die Folge von Traumata oder schweren seelischen Verletzungen.
Gerade der Vulkantypus trägt ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder psychosomatische Beschwerden. Irgendwann wird der innere Druck zu groß.
Gruppentherapie hilft
Alexithymie ist keine klassische Diagnose – viele Betroffene leiden zunächst gar nicht. Die Probleme entstehen meist in Beziehungen oder durch Folgeerkrankungen. In der Therapie geht es darum, Gefühle überhaupt erst wahrzunehmen, zu unterscheiden und benennen zu lernen.
Gruppentherapien sind dabei besonders hilfreich: Andere spiegeln Reaktionen, geben Feedback, machen Emotionen sichtbar. Eine komplette „Verwandlung“ ist selten – aber kleine Durchbrüche können Großes verändern.
Auch Volker merkt heute, wie sehr ihn der Verlust seiner Beziehung getroffen hat. Sein Selbstwertgefühl ist angeschlagen. Die Gefühle sind da – aber sie lassen sich kaum greifen.
Die unterschätzten Stärken
Was oft vergessen wird: Alexithyme Menschen haben beeindruckende Ressourcen.
Sie bleiben ruhig, wenn andere panisch werden.
Sie halten Druck aus.
Sie sind belastbar, rational, stabil.
Ein echter Fels in der Brandung.
Und auch Menschen ohne Alexithymie können von ihnen lernen: etwa, körperliche Stressreaktionen nicht sofort als Bedrohung zu sehen. Ein klopfendes Herz bedeutet nicht nur Angst – es bedeutet auch Energie, Vorbereitung, Fokus.
Gefühle sind kein Luxus – sie sind überlebenswichtig
Emotionen sind keine unnötige Komplikation des Lebens. Sie sind ein inneres Warnsystem. Ein Wecker. Ein Signal: Hier stimmt etwas nicht. Schau hin.
Wer lernt, Gefühle ernst zu nehmen – die eigenen und die der anderen – schützt sich vor seelischen und körperlichen Erkrankungen. Das gilt für Menschen mit Alexithymie genauso wie für all jene, die im hektischen Alltag den Kontakt zu sich selbst verloren haben.
Denn eines ist sicher:
Allein mit dem Verstand kommt der Mensch nicht weit.
Gefühle gehören dazu. Auch – und gerade dann – wenn sie schwer erreichbar sind.