Körperarbeit auf der blühenden Wiese (Foto: Pexels)

Zeit, um sich wahrzunehmen

Freddy kommt auf Empfehlung seiner Freundin. Als der 28-Jährige meine Cranio-Praxis betritt, ist er neugierig – und skeptisch. Wie mancher Mann ist er hier, weil ihm eine Frau geraten hat, einmal die Cranio-Sakral-Therapie auszuprobieren. Der Computerspezialist vertraut in seinem Leben auf Fakten und seinen Verstand. Seinem Körper schenkt er bisher vor allem Aufmerksamkeit, indem er per Smartwatch rund um die Uhr Puls, Blutdruck und Schlafrhythmus überprüft.

Freddy leidet wie ich unter Heuschnupfen. Seine Symptome sind permanente Nadelstiche im Hals. In der Zeit zwischen Frühling und Frühsommer brennt sein Rachen und raubt ihm dadurch Lebensqualität. Er erzählt mir, dass Medikamente wie Cetirizin nicht mehr wirklich helfen. Das zur Gruppe der H1-Antihistaminika gehörende Arzneimittel hebt die Wirkungen des körpereigenen Signalstoffes Histamin auf. Dabei gelangt es unter anderem über die Blut-Hirn-Schranke in das Gehirn.

Dem Keilbein lauschen

Als Freddy sich auf meine Liege bettet und wir eine Weile seinem Cranio-Sakralen-Rhythmus gelauscht haben, widme ich meine Aufmerksamkeit seinem Keilbein. Das Os sphenoidale, wie der tiefliegende, zentrale Knochen der Schädelbasis heißt, formt den hinteren Bereich der Augenhöhle. Mit etwas Fantasie sieht er aus wie eine Fledermaus oder ein Schmetterling, mit Körper, Flügeln und Fortsätzen.

Zusammen nehmen wir die unterschiedlichen Bewegungen des Knochens war, der über seine „Fortsätze“, die Processus pterygoidei, Kontakt zu Mund- und Rachenhöhle hat. Auch hier lauschen wir wie in Freddy hinein. Für ihn ist diese ruhige und gelassene Art der inneren Kontaktaufnahme mit dem eigenen Körper Neuland, wird er mir im Nachgespräch berichten.

Während der Behandlung frage ich meinen Klienten immer wieder, wie er seinen Rachen wahrnimmt. Und was sich über die Behandlungszeit verändert. Freddy liefert ein anschauliches Bild. Die brennende und juckende Stelle im Rachen ist feuerrot. Damit die Nadelstiche aufhören, lässt Freddy es wie schwarz werden. Langsam klingen seine Schmerzen ab.

Arznei reduzieren

Gegen Ende der Behandlung biete ich dem Cranio-Rhythmus noch Ruhe an, merke aber, dass dieses Angebot kaum angenommen wird. Freddy will jetzt am liebsten aufstehen und loslegen. Ich spüre seine Kraft und Intensität in jeder Craniowelle, die mir entgegenkommt. Und tatsächlich: Freddy ist auf dem Sprung:

Das sollte ich wohl öfters machen, mir Zeit nehmen und meinen Körper spüren

Ich treffe ihn am nächsten Tag wieder. Er und seine Freundin wollen noch am Abend an den Gardasee fahren. Seinem Hals geht es immer noch viel besser. Tabletten nimmt er nicht mehr. Viel Spaß im Urlaub, wünsche ich den beiden. Freddy meint noch: „Das sollte ich wohl öfters machen, mir Zeit nehmen und meinen Körper spüren“. Ja sage ich. Bei der Cranio geht es zuallererst um die eigene Körperwahrnehmung. Das gelingt, indem sich Therapeut und Klient Zeit nehmen und Ruhe gönnen.

Einfach leben

Ich hoffe, Freddy kommt in nächster Zeit besser mit seiner Allergie zurecht. Den Raum in sich hinein zu spüren, biete ich ihm gerne in meiner Praxis an. Mir persönlich hilft es, einmal im Monat eine Cranio-Behandlung zu nehmen. Für meinen Heuschnupfen, begleitet von Asthma, brennenden Augen und heftigen Niesattacken, haben sich diese Intervalle als ideal kristallisieret. Ich nehme nur in Notfällen Medikamente. Aktuell etwa alle drei Wochen eine Tablette. Asthma-Spray dieses Frühjahr noch seltener.

Stattdessen gönne ich mir heilsame Auszeiten. Komme runter und tanke mit Cranio auf. Statt mich elektronisch zu kontrollieren, wie es Freddy und viele andere Männer machen, höre ich mehrmals täglich in mich hinein und nehme die Signale meines Körpers wahr. Seither sind Spaziergänge über Blumenwiesen und durch den Wald hinter meinem Haus meine liebsten (Freizeit-)Beschäftigungen. Im Einklang mit mir und der Natur. Ohne Heuschnupfen. Friedlich und gelassen. Einfach leben.

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