Verantwortung lässt sich nicht verordnen.
Man kann sie nicht delegieren, nicht auslagern und auch nicht durch immer neue Regeln erzwingen. Verantwortung entsteht dort, wo Menschen lernen, die Realität wahrzunehmen – und ihr eigenes Handeln daran auszurichten. Genau diese Haltung versuche ich meinen Kindern vorzuleben.

Wenn Regeln den gesunden Menschenverstand ersetzen sollen

Der Anlass für diese Gedanken ist erschütternd: das Unglück von Crans-Montana in der Schweiz, bei dem an Silvester 40 Menschen, darunter viele Jugendliche, starben. Sie feiern ausgelassen in einem überfüllten Kellerclub. Feuerwerk wird gezündet, unter einer brennbaren Decke. Laut, aufregend, scheinbar harmlos – bis es plötzlich zu spät ist.

Nach solchen Ereignissen richtet sich der Blick schnell auf Politik und Behörden: Wo war die Kontrolle? Welche Vorschrift wurde missachtet? Wer hat versagt?

Diese Fragen sind legitim, aber sie greifen zu kurz. Denn selbst die strengsten Brandschutzvorschriften sind nicht der eigentliche Grund, weshalb unsere Gesellschaft früher vergleichsweise sicher war. Sicherheit entstand nicht primär durch Paragrafen – sondern durch kulturelle Selbstverständlichkeiten.

Man brauchte keine Vorschrift, um zu wissen, dass man in Innenräumen kein Feuerwerk zündet. Das war kein Gesetz, das war gesunder Menschenverstand.

Wenn der innere Kompass verloren geht

Diesen gesunden Menschenverstand könnte man als den eigentlichen „Brandschutz“ einer Gesellschaft bezeichnen. Und genau dieser erodiert. Was einmal selbstverständlich war, muss heute geregelt, überwacht und dokumentiert werden – und selbst dann funktioniert es oft nicht mehr. Der Grund ist einfach: Wo der innere Kompass fehlt, kann kein äußerer Rahmen ihn ersetzen.

Die unbequeme Wahrheit für Eltern

Für uns Eltern ist das eine unbequeme, aber notwendige Erkenntnis: Wir dürfen nicht blind darauf vertrauen, dass unsere Kinder automatisch sicher sind, nur weil sie sich in offiziell genehmigten Räumen bewegen oder staatliche Bildungseinrichtungen besuchen.

Wir dürfen auch nicht voraussetzen, dass das, was „alle machen“, vernünftig ist. Manchmal ist es schlicht Irrsinn.

Deshalb geht es in der Erziehung nicht nur darum, Regeln zu erklären oder Gefahren aufzuzählen. Es geht um Haltung. Um die Fähigkeit, Situationen realistisch einzuschätzen – und notfalls auszusteigen.

Erwachsenwerden heißt, Verantwortung zu übernehmen

Junge Menschen sollten danach streben, Erwachsene zu werden – nicht ewige Kinder zu bleiben. Erwachsensein beginnt nicht mit einem bestimmten Alter, sondern mit Realismus. Mit Wahrnehmung. Mit der Fähigkeit, dem Sog von „alle machen das“ zu widerstehen, gerade dann, wenn offensichtlich alle etwas Gefährliches oder Dummes tun.

Ich spreche mit meinen Kindern darüber, dass sie jederzeit gehen dürfen. Dass sie niemandem etwas beweisen müssen. Dass echte Stärke oft darin liegt, Nein zu sagen und sich zu entziehen, auch wenn etwas aufregend, modern oder sozial belohnt erscheint.

Freiheit braucht Verantwortung

Wahre Freiheit entsteht nicht aus staatlichem Rundumschutz vor jedem Risiko. Sie wächst aus der Disziplin der Verantwortung:

  • Verantwortung gegenüber der Realität
  • Verantwortung für die eigene Urteilskraft
  • Verantwortung dafür, auf das eigene Bauchgefühl zu hören

Und den Mut zu haben, sich zu entfernen, wenn sich etwas falsch anfühlt.

Vorleben statt predigen

Diese Haltung lässt sich nicht verordnen. Man kann sie nicht lehren wie ein Schulfach. Man muss sie leben.

Kinder lernen weniger aus unseren Worten – und sehr viel mehr aus unserem Verhalten. Wenn wir Verantwortung vorleben, lernen sie Verantwortung.
Wenn wir Realismus zeigen, lernen sie Realismus. Wenn wir den Mut haben, Grenzen zu setzen, lernen sie, es selbst zu tun.

Und genau darin sehe ich heute eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern:
Nicht alles abzusichern – sondern Haltung zu vermitteln.

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