Meer im Gebirge – Kompromisse sind nicht immer die beste Lösung. Foto von Gabriela Palai

In meiner Arbeit als Männer-Coach sitze ich Klienten gegenüber, die sich aufrichtig um ihre Beziehungen bemühen. Sie kommen mit dem besten Willen – und oft mit demselben Glaubenssatz im Gepäck: „Wir müssen nur besser Kompromisse finden.“ Was ich ihnen dann sage, überrascht viele: Kompromisse haben einen viel zu guten Ruf.

„Wir treffen uns in der Mitte“ – und beide verlieren

Ein Paar kommt zu mir. Er steht morgens um fünf auf, geht wandern, liebt die Bewegung in der Natur. Sie schläft gerne lang, braucht Ruhe, erholt sich beim Nichtstun. Der Kompromiss: Man steht um neun auf. Klingt vernünftig. Ist es aber nicht. Sie ist unausgeschlafen und gereizt. Er hat vier Stunden gewartet, still Unmut gesammelt. Und dann laufen beide in der Mittagssonne – was keinem von beiden gefällt. Ich sage solchen Paaren: Das ist kein guter Kompromiss. Das ist ein geteiltes Unglück.

Genau das beobachte ich immer wieder in meiner Praxis. Ein Kompromiss, der auf dem Papier fair aussieht, muss sich nicht gut anfühlen. Und das Gefühl ist entscheidend – nicht die Logik . Viele meiner Klienten glauben, sie müssten ihre Bedürfnisse rational begründen können. Dabei sage ich ihnen oft: „Sie können auch sagen: das klingt alles überzeugend, aber ich möchte es trotzdem nicht.“ Das Gefühl ist genauso valide wie jedes Argument. Man ist schließlich nicht vor Gericht.

Das leise Feuer der Unterdrückung

Was mich in meiner Arbeit am meisten beschäftigt, sind nicht die großen Krisen, die Paare zu mir bringen. Es sind die kleinen Muster, die sich über Jahre eingeschlichen haben. Er fährt dreimal nach Rhodos, obwohl er Grönland liebt. Sie schläft jede Nacht schlecht, weil das gemeinsame Bett sie unruhig macht. Man steht auf, wenn der andere aufsteht. Jeder dieser Momente wirkt unbedeutend. In der Summe aber rauben sie einem das Gefühl für sich selbst.

Wenn Menschen über lange Zeit eigene Bedürfnisse unterdrücken, entwickeln sie Ressentiments. Diese Wut muss irgendwohin. Manche meiner Klienten werden aggressiv. Viele werden passiv-aggressiv – ziehen sich zurück, werden kühl, sticheln. Wieder andere kompensieren auf anderen Wegen. Und manchmal kommen Menschen zu mir und sagen: „Ich muss mich besser regulieren.“ Dann antworte ich: „Ich glaube, weniger wäre besser.“ Sie sind zunächst verwirrt. Aber es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem man sich gar nicht erst so stark regulieren muss.

Ein stabiles Nein ist die Voraussetzung für ein echtes Ja

Eine der wichtigsten Lektionen, die ich meinen Klienten mitgebe, klingt zunächst paradox: Wer nicht wirklich Nein sagen kann, kann auch kein wirkliches Ja geben. Viele Menschen geben auf einer Ebene zu viel – und können dann nicht mehr von ganzem Herzen geben. Ein klares Nein ist keine Ablehnung der Beziehung. Es ist die Grundlage dafür, dass echte Großzügigkeit überhaupt möglich wird.

Das zeigt sich auch bei der Partnerwahl selbst. Es gibt bei jeder Person, mit der wir zusammen sind, irgendetwas, mit dem man eigentlich tief im Inneren nicht leben kann. Das ist nicht das Ende der Beziehung – das ist der Beginn der wirklichen Beziehungsarbeit. Die Frage ist nicht: Mit wem muss ich am wenigsten Kompromisse eingehen? Die Frage ist: Wie gut kann ich damit umgehen, dass du anders bist als ich?

Was Kinder in diesem System lernen

Besonders deutlich wird die Dynamik falscher Kompromisse, wenn Männer zu mir kommen, die auch Väter sind. Kinder beobachten genau, wie Eltern miteinander umgehen. Wenn sie erleben, dass ein Elternteil dauerhaft zurücksteckt, seine Bedürfnisse nicht äußert oder Wut still in sich hineinfrisst, lernen sie: So funktioniert Nähe. So sieht Liebe aus. Das sind Muster, die sich einprägen und im Erwachsenenleben wiederholen. Gleichzeitig erlebe ich auch das andere Extrem: Eltern, die glauben, die Bedürfnisse der Kinder müssten stets Vorrang haben – und dabei vollständig vergessen, für sich selbst einzustehen. Auch das ist kein gutes Vorbild. Kinder brauchen keine Eltern, die sich aufopfern. Sie brauchen Eltern, die zeigen, dass man eigene Bedürfnisse kennen, benennen und respektieren kann – und trotzdem füreinander da ist.

Wann ein Kompromiss wirklich trägt

Ich möchte nicht missverstanden werden: Es gibt gute Kompromisse. Ich kenne ein Paar – sie wollte in München leben, er in Hamburg. Sie zogen gemeinsam nach Köln. Von außen klingt das nach einem schlechten Mittelweg. Aber sie erzählten mir: Es fühlte sich für beide richtig an. Eine neue Stadt mit Platz für beide Kulturen. Sie haben gemeinsam etwas Drittes gefunden, das keinem von beiden gehörte – und doch beiden.

Das ist das Entscheidende: Nicht die Form des Kompromisses zählt, sondern seine Qualität. Fühlt er sich für beide wirklich stimmig an – oder hat einer nur nachgegeben?

Was ich meinen Klienten wünsche

Am Ende meiner Arbeit mit Männern und ihren Partnerschaften wünsche ich mir für meine Klienten dasselbe: Dass sie lernen, für sich einzustehen – nicht gegen den anderen, sondern für die Beziehung. Dass sie aufhören, Kompromisse als Beweis ihrer Liebe zu sehen. Und dass sie begreifen: Wer sich selbst kennt und wahrt, hat erst dann wirklich etwas zu geben.

Die gesündesten Paare, die ich begleiten durfte, sind nicht jene, die immer einer Meinung waren. Es sind jene, die gelernt haben, klar und respektvoll zu sagen, was sie wollen – und was nicht.

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