Asthma ist wie eine Fessel (FOTO: Pexels)

Biodynamische Cranio-Sakral-Therapie

Dieser laue Sommerabend wird mir ewig im Gedächtnis haften bleiben. Ich war elf Jahre alt. Nach dem Spielen auf der Gasse, wir lebten in einem 1970-er Jahre Wohngebiet mit damals modernen Flachdächern, ging ich in die Wohnung meiner Eltern. 3. Stock mit großem Betonbalkon. Es gab kaum grün in der Neubaugegend. Das tagsüber dennoch meine Nase tropfte und meine Augen brannten, war für einen Junitag mit viel Sonne und böigem Wind, normal. Nasenspray und Augentropfen gehören für mich, seit ich fünf Jahre alt bin, zur Standardausrüstung. Kopf in den Nacken und sprayen. Drei bis vier Mal am Tag. Gewohnte Routine.

Asthma ist, wie wenn eine Boa die Brust umschlingt

Doch schon beim Treppensteigen in den dritten Stock bekam ich Angst. Mir wurde die Luft knapp. Dieses beklemmende Gefühl kannte ich nicht. Es war neu und bedrückend. Asthma ist, wie wenn eine Boa die Brust umschlingt und langsam ihr Opfer erstickt. Wenn sich die Muskulatur verhärtet und immer enger wird, raubt sie die Luft. Es fühlt sich an, wie langsam zu sterben. Horror für einen schmächtigen Elfjährigen.

Wenn die Etage wechselt

Mediziner nennen diesen Vorgang Etagenwechsel, wenn die allergischen Symptome sich vom Kopf in die Brust verlagern. Bei vielen Allergiker vollzieht sich dieser Wechsel mit zwanzig oder dreißig Jahren. Ich war noch nicht einmal in der Pubertät. Was folgte war eine jahrelange Tortur. Als geborener Zwilling verbrachte ich etliche Geburtstage meiner Kindheit im abgedunkelten Kinderzimmer. Fenster geschlossen. Damit die Pollen draußen bleiben. Funktioniert natürlich nicht. 80-er Jahre-Wissen über den damals noch seltenen Heuschnupfen unter dem ich litt wie keiner in meiner Familie.

Entsprechend kühl waren auch die Reaktionen meines Umfelds auf meine Anfälle. Die manchmal bei Regen sogar stärker waren, als bei Sonnenschein. „Gewitter-Asthma“ nennt das Dr. Karl-Christian Bergmann, Leiter der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst. Was die Gründe, Auslöser und Ursachen für mein massives, oft nur mit Cortison zu behandelndes, allergisches Asthma waren, kann ich bis heute nicht zu 100 Prozent sagen. Was ich aber weiß, und dabei hat mir die Cranioarbeit geholfen Klarheit zu erlangen, ist, dass Körper und Geist untrennbar sind. Für mich hat meine Allergie, die jedem Desensibilisierungsversuch widerstand, eine Wurzel im Umgang mit dem kleinen Jungen- mit meinen Bedürfnissen nach Wärme und Nähe, nach Fürsorge und gehalten werden. Nach Liebe und angenommen sein. Damals wie heute ist das so.

Medizinischer Irrlauf

Die Odyssey, die ich zwischen meinem fünften und 40. Lebensjahr durchlaufen habe, würde ein ganzes Buch füllen. Tests in Asthma-Kliniken, Nordseeurlaube, Akkupunktur, Eigenurin- und Blutbehandlungen habe ich mitgemacht; Antihistaminika-Tabletten und Bronchospasmolytikum habe ich mir reingepfiffen, gefühlt kilogrammweise. Mit jedem Umzug kam ein neuer Hausarzt, eine neue Therapieform. Was nach mehr als dreißig Jahren an nüchterner Erkenntnis übrigbleibt, ist, dass bei mir mit Medizin maximal punktuelle Linderung möglich ist. Mehr nicht.

Bis, ja, bis zu einem lauen Sommerabend vor etwa drei Jahren. Da lernte ich (m)eine Cranio-Therapeutin kennen. Sinnigerweise beim Salsa tanzen. Sie spürte meine Kurzatmigkeit und lud mich auf ihre Liege ein. Was ich in den folgenden Sessions im Schorndorfer Süden erleben durfte, ist kaum beschreibbar. Ich versuche es trotzdem:

So funktioniert Cranio

Michi, die Cranio-Therapeutin, lehrt mich, meinen Körper zu spüren und zu verstehen. Anfangs alle 14 Tage, später und bis heute alle vier Wochen, gehe ich zu ihr. Meine Allergie, mein Asthma sind fast immer Thema der Körperarbeit. In den gut einstündigen Behandlungen geht es für mich darum, gelassener zu werden. Das ist mein oberstes Ziel.

Als Therapeutin nimmt Michi mich und meinen Körper als Einheit wahr. Sie erkennt meine Lieblingsbewegungen und meine Blockaden. Die sich zwar auf physischer Ebene manifestiert haben, letztlich aber in meiner Psyche, in meinen Lebenserfahrungen wurzeln.

„Wir wollen nicht Krankheit heilen, sondern Gesundheit finden“

Cranio-Sakral-Therapie
Cranio-Behandlung

Das Schöne an der Cranio-Sakral-Therapie ist, dass wir nicht in Altem und der Vergangenheit wühlen müssen, um Glaubenssätze oder Verhaltensmuster ausfindig zu machen. Cranio lässt vielmehr den Körper arbeiten. Der Therapeut begleitet diesen Prozess und bietet Raum, dass die Dingen sich zeigen und gehen dürfen, die uns schaden und krank machen. Cranio ist für mich wie Zähneputzen. Prophylaxe.

So sieht es übrigens auch A.T. Still: „Wir wollen nicht Krankheit heilen, sondern Gesundheit finden“, sagt einer der Begründer der Cranio-Sakral -Therapie. Darum geht es auch bei mir und meinen Themen. Die Allergie und das Asthma sind Teil meiner Geschichte, meines Lebens. Sie werden wohl nie ganz gehen. Doch etwas hat sich durch die Körpertherapie un

d meine Ausbildung zum Cranio-Therapeuten verändert: Ich nehme mich ganz anders wahr. Feinstofflicher. Merke schnell, was mir guttut und was nicht. Welches Essen mir schadet oder welche Menschen mir nicht guttun.

Neue Lebensqualität

Mancher sagt mir, ich sei weicher geworden. Offener und liebevoller. Es gelingt mir nicht immer – aber immer öfters. Auch kann ich heute um Hilfe bitten und Menschen näher an mich heranlassen. Bekomme ich nachts einen Asthmaanfall – die Schurken kommen gerne in der Dunkelheit – bitte ich meine Frau, mich zu halten, mich zu stabilisieren. Oft reicht es, wenn ihre Hand auf meiner Brust liegt. Der Krampf kann dann gehen.

Auch unser Kater Oskar darf inzwischen wieder bei uns in der Wohnung leben. Im Winter halte ich seine Haare manchmal nicht mehr aus. Dann muss der rote Norweger raus. Wenn ich regelmäßig meine Cranio-Sessions nehme, ist er mir willkommen. Auch mein Arzneimittelkonsum geht gegen Null. In diesem Frühjahr reichen wohl fünf bis zehn Tabletten und ein paar Salbutamol-Hübe. Zum Vergleich: Früher aß ich Cetirizin mehrmals täglich, sechs Monate lange. Cortison-Depotspritzen nehme ich seit Jahren nicht mehr. Für mich ist das neu erlangte Lebensqualität – ein Geschenk.

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