Frau und Mann sitzen auf einer Balustrade
Liebe ist leiser als verliebt sein (FOTO: Pexels).

Wieso Langeweile in der Beziehung gut tut

Viele Paar jagen dem Gefühl des Verliebtseins hinter. Wie schade. Denn oft ist aus der Verliebtheit Liebe geworden. Was genau dahintersteckt, erschließt sich bei einem Blick auf unser Gehirn und den Hormonhaushalt.

Laute Botenstoffe

Verliebtheit und Liebe finden in ganz unterschiedlichen Hirnarealen statt. Und sie sind mit anderen Botenstoffen verknüpft. Verliebt sein ist wahrscheinlich der (r)evolutionärste Ausnahmezustand schlechthin. Wenn wir verliebt sind, empfinden wir Verlustängste, wir kämpfen um die Aufmerksamkeit eines Menschen und wir rasen ins Tal der Trauer oder erklimmen, ähnlich einer Achterbahnfahrt, einen Höhepunkt nach dem nächsten. Koksen fühlt sich so ähnlich an. Vor allem unser Stammhirn ist in dieser Phase besonders aktiv. Die lauten Botenstoffe Adrenalin und Dopamin werden gefühlt kübelweise ausgeschüttet. Das knallt rein. Unser Körperempfinden ist auf Vollkontakt eingestellt.

Das hält ja keiner aus

So ein Ausnahmezustand ist auf Dauer nicht gesund. Verliebtheit ist im Wortsinn nicht auszuhalten. Deshalb regelt unser Körper den Hormon-Cocktail von ganz alleine wieder runter. Liebe hingegen findet im Großhirn statt. Im Vorderlappen um genau zu sein. Sie folgt auf das Verliebtsein. Statt Aufruhr entwickeln wir ein Gefühl von Ankommen und sich sicher und geborgen fühlen.

Leise Botenstoffe

Dahinter stecken die leisen Botenstoffe wie Serotonin, das Bindungshormon Oxytocin und auch das Glückshormon Endorphin.  Sie bemerken wir körperlich kaum. Deutlich wird aber, verliebt sein und Liebe sind zwei völlig verschiedene Zustände – auch und gerade auf körperlicher Ebene. Die Krux ist: Wir haben das vergessen. Und unsere Gesellschaft hetzt dem Bacardi-Mythos hinterher.

Ruhiger Fluss der Liebe

Aber Gute-Laune-Wackelpopo-Sonnenschein ist nicht das Leben. Zumindest nicht ständig. Solange wir jedoch glauben, Aufregung und Achterbahn sind der Normalzustand, kommen wir nicht in den ruhigen Fluss der Liebe. Dabei geht es nur darum, sich etwa als Paar anzuschauen, was man gemeinsam hat und das wertzuschätzen. Diese Erkenntnis kann unglaublich erleichternd sein. Es ist sehr schön zu sehen, wenn Leute begreifen, dass sie gefühlte Langeweile auch als Sicherheit, Ruhe, Ankunft sehen können. Durch diesen Perspektivwechsel verändert sich der Rahmen. Die Beziehung bekommt eine andere Basis. Ich erlebe, dass vermeintlich gelangweilte Paare aus unserem Seminar gehen und sagen: „Hey, alles ist okay! Wir lieben uns.“

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